Die Synapsen stehen im Stau
auf der Autobahn der eigenen Überzeugung.
Rechts überholen ist verboten,
links ist kein Platz mehr,
und auf dem Armaturenbrett blinkt die Motorkontrollleuchte
des gesunden Menschenverstands.
Es geht um ein Phänomen, meine Damen und Herren,
das wir alle kennen,
das wir alle täglich füttern,
aber das in seiner extremsten Ausprägung
die Form eines intergalaktischen Verkehrsunfalls annimmt.
Wir reden von der kognitiven Dissonanz.
Oder, um es im Jahr 2026 mal ganz konkret
auf den Seziertisch der gesellschaftlichen Realität zu legen:
Das Phänomen des AfD-Wählers,
der abends auf der Couch sitzt,
die Decke bis zum Kinn zieht,
die Enterprise über den Bildschirm fliegen sieht
und sich denkt:
„Mensch, die Föderation, das ist einfach eine saubere Sache.“
Du kommst vom Stammtisch.
Der Puls ist noch auf Hundertachtzig.
Du hast drei Stunden lang geredet
über Grenzen,
über das Eigene,
über die Bedrohung von außen,
über das Boot, das voll ist –
so voll, dass das Wasser schon über die Reling schwappt.
Du hast geschimpft auf die Globalisierung,
auf die Brüsseler Bürokratie,
auf den Schmelztiegel der Identitäten.
Du gehst nach Hause,
schließt die Tür ab, zweimal umdrehen,
Sicherheit geht vor,
die Welt bleibt draußen.
Du machst den Fernseher an.
Und wer begrüßt dich?
Jean-Luc Picard.
Ein glatzköpfiger, französischer Humanist,
der Tee trinkt – Earl Grey, heiß -,
Shakespeare zitiert,
philosophische Abhandlungen über die Würde des Individuums hält
und in einer Welt lebt,
in der das Konzept eines Nationalstaates so gründlich abgeschafft wurde
wie das Bargeld, die Armut und die Verbrennungsmotoren.
Und du sitzt da, nickst und denkst:
„Jawohl. Captain, Energie!“
Wo, frage ich mich,
wo genau im Gehirn befindet sich diese Brandschutzmauer?
Diese mentale Asbest-Schicht,
die verhindert, dass der Funke der Fiktion
das Pulverfass der eigenen Realität entzündet?
Wie schafft man es,
das Parteiprogramm der Remigration in der linken Tasche zu haben,
während man mit der rechten Hand den vulkanischen Gruß formt
und „Lebe lang und in Frieden“ flüstert?
Das ist kein normaler Widerspruch mehr.
Das ist olympisches Synchronspringen im mentalen Spagat,
ohne Aufwärmen,
ohne Netz
und doppelten Boden.
Stellen wir uns das doch mal als Episode vor.
Ein AfD-Wähler wird durch einen kosmischen Zufall –
sagen wir, eine temporale Anomalie im System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks –
direkt auf die Brücke der USS Enterprise transportiert.
Er landet direkt neben Worf.
Worf. Ein Klingone.
Migrationshintergrund: Ein anderer Quadrant.
Kulturelle Identität: Extrem ausgeprägt,
trägt rituell scharf geschliffene Messer am Gürtel,
ernährt sich von lebendigen Gagh-Würmern
und neigt zu spontanen Wutausbrüchen,
wenn man seine Ehre verletzt.
Unser Kollege auf der Brücke müsste doch sofort das Smartphone zücken –
wenn es noch Netzempfang gäbe -,
die Notrufnummer der galaktischen Grenzpolizei wählen und rufen:
„Hier steht ein illegaler Klingone auf der Brücke!
Der hat sich nicht integriert!
Der spricht zwar fließend Föderations-Standard,
aber seine Leitkultur ist mir zutiefst suspekt!
Und überhaupt: Wo sind seine Papiere?
Hat der einen Asylantrag für den Alpha-Quadranten gestellt?“
Aber nein. Im Fernsehen finden wir Worf cool.
Worf ist der Mann fürs Grobe, der loyale Sicherheitschef.
Da drückt man mal ein Auge zu.
Der ist ja „einer von den Guten“.
Und dann blickt unser Beobachter nach links.
Da sitzt Geordi La Forge. Chefingenieur.
Blind von Geburt an, aber er sieht die Welt durch einen Visiereffekt,
der die Realität in elektromagnetischen Wellen darstellt.
Ein Hochleistungstechnologe,
dessen Existenz auf der radikalen Inklusion
einer hypermodernen Gesellschaft basiert.
Daneben Data. Ein Android.
Kein Mensch, keine Biologie, reines Silizium und Positronen.
Er hat keine Geburtsurkunde, kein deutsches Blut,
nicht mal eine Seele im klassischen Sinne.
Nach den Maßstäben einer völkischen Logik wäre Data ein Ding.
Ein Werkzeug.
Bestenfalls eine Gefahr für den heimischen Arbeitsmarkt
der menschlichen Steuerberater.
Aber in der Serie weinen wir,
wenn Data versucht, ein Gedicht zu verstehen.
Wir fühlen mit ihm, wenn er versucht, menschlich zu werden.
Wir akzeptieren, dass dieses künstliche Wesen die gleichen Rechte hat
wie jeder Admiral der Sternenflotte.
Und am Steuer sitzt Deanna Troi.
Eine Betazoidin. Halbe Außerirdische. Empathin.
Die spürt deine Gefühle, bevor du überhaupt weißt, dass du sie hast.
Die würde auf einer Demo stehen, in die Menge blicken und sagen:
„Ich spüre… Angst.
Sehr viel unbegründete, diffuse Angst vor Kontrollverlust,
getarnt als Aggression.“
Man würde sie als „links-grün versiffte Psychotante“ beschimpfen,
die den harten Männern die Leviten lesen will.
Aber auf der Enterprise?
Da ist sie die wichtigste Beraterin des Captains.
Und das Fundament von all dem?
Die Oberste Direktive. Keine Einmischung in die Entwicklung anderer Völker.
Und die IDIC-Philosophie:
Infinite Diversity in Infinite Combinations.
Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen.
Das ist nicht einfach nur ein Slogan.
Das ist das absolute Gegenteil von Monokultur.
Das ist das mathematische Antidotum zu jedem Nationalismus,
der jemals auf dieser Erde formuliert wurde.
Es besagt: Je unterschiedlicher wir sind, desto stärker sind wir.
Die Föderation wächst nicht durch Gleichmacherei,
sondern durch die Akzeptanz des absolut Fremden.
Und der Fan auf dem Sofa? Er klatscht.
Er findet es episch, wenn die Föderation ein neues Volk aufnimmt.
Er regt sich auf, wenn die Cardassianer oder die Romulaner
mit ihrer isolationistischen, imperialistischen „Wir zuerst“-Politik
die Galaxis terrorisieren.
Er sieht die Romulaner –
mit ihrer Geheimpolizei Tal Shiar,
ihrer permanenten Paranoia vor Spionen,
ihrer totalen Abschottung
und ihrem rassistischen Überlegenheitsgefühl –
und denkt sich:
„Was für unsympathische, rückschrittliche Schurken.“
Und am nächsten Wahltag setzt er sein Kreuz bei einer Partei,
deren außenpolitisches Konzept eins zu eins
aus dem romulanischen Senat stammen könnte.
Wie funktioniert das?Wie überlebt ein menschliches Gehirn diese kognitive Kernspaltung,ohne dass die Schädeldecke weggesprengt wird?
Es funktioniert durch die wunderbare, erschreckende Architektur der Ausrede.
Durch das psychologische Handwerk des geistigen Tunnelbaus.
Der erste Tunnel heißt: Die Kompartimentierung.
Das Gehirn baut Mauern.
Nicht an den Grenzen des Landes,
sondern zwischen den eigenen Windungen.
Da gibt es die Schublade „Unterhaltung“.
Schön sauber, bunt, mit CGI-Effekten und Warp-Antrieb.
Da darf alles rein.
Da darf der Außerirdische mein Bruder sein,
da darf die Zukunft sozialistisch sein –
denn seien wir ehrlich, das System der Föderation
ist ein post-kapitalistischer, bedingungsloser Grundeinkommens-Traum.
Es gibt kein Geld mehr.
Jeder bekommt, was er braucht, aus dem Replikator.
Motivation ist nicht mehr Gier,
sondern Selbsterkenntnis und der Dienst an der Gemeinschaft.
Der Fan sperrt diese Schublade ab, wenn der Abspann läuft.
Schlüssel umdrehen.
Und dann öffnet er die Schublade „Realität“.
Und da gilt wieder das Gesetz des Mangels.
Da gilt wieder das Gefühl:
Wenn der andere was bekommt, nimmt er mir was weg.
Da gilt wieder das Misstrauen.
Die Fiktion wird zum Urlaub von den eigenen Vorurteilen.
Ein sicherer Raum, in dem man mal kurz so tun kann,
als wäre man ein edler, offener Weltbürger,
weil es auf der Couch im Reihenhaus ja nichts kostet.
Es verpflichtet zu nichts.
Du musst dem Borg, der vor deiner Tür steht, kein Asyl gewähren.
Er bleibt im Kasten.
Der zweite Tunnel ist das „Cherry Picking“.
Das Rosinenpicken für Fortgeschrittene.
Man nimmt sich aus Star Trek nur das heraus,
was die eigene Härte legitimiert.
„Ja, schauen Sie mal“, sagt der Dissonanz-Akrobat dann,
„die Sternenflotte ist doch im Grunde ein Militärverein!
Die haben Uniformen. Die haben eine klare Hierarchie.
Da pariert man!
Und wenn die Borg kommen, dann wird nicht diskutiert,
dann wird die Schildenergie auf Maximum gefahren und gefeuert!
Grenzschutz im Weltraum!“
Dass die Sternenflotte sich selbst explizit nicht als Militär versteht,
sondern als Forschungs- und Diplomatieorganisation,
dass Picard in achtzig Prozent der Fälle erst mal stundenlang redet,
verhandelt, Tee trinkt, Fehler im eigenen System sucht
und die Waffen erst aktiviert, wenn die halbe Untertassensektion schon brennt –
das wird elegant wegzensiert.
Man nimmt die Disziplin der Sternenflotte,
um die eigene Sehnsucht nach Ordnung zu füttern,
und ignoriert, dass diese Ordnung nur dazu da ist,
die Freiheit des Individuums zu schützen,
nicht seine Unterdrückung.
Aber das Faszinierendste –
und hier wird es wirklich tiefgründig,
hier gehen wir mal auf den Grund des Problems –
ist die zeitliche Verschiebung.
Star Trek spielt im 23. und 24. Jahrhundert.
Und warum ist die Menschheit dort so weise,
so tolerant,
so geeint?
Weil sie vorher durch die Hölle gegangen ist.
Jeder echte Trekkie weiß das: Vor der Föderation gab es die Eugenischen Kriege.
Und es gab den Dritten Weltkrieg.
Mitte des 21. Jahrhunderts –
also im Grunde genau in der Epoche, in der wir jetzt gerade leben.
In der Star-Trek-Historie ist das die Zeit des totalen Kollapses.
Die Zeit, in der Nationalismus, Genetik-Wahn, Abschottung
und der Verlust von Empathie die Erde in Schutt und Asche gelegt haben.
Erst nach dem atomaren Inferno,
als die Menschen ganz unten waren, im Dreck lagen
und begriffen haben, dass ihr ganzer Stolz auf die eigene Herkunft,
ihr ganzes Beharren auf Grenzen sie fast vernichtet hätte –
erst da kam der Wendepunkt.
Erst da kam der erste Kontakt mit den Vulkaniern.
Erst da begriffen sie, dass das Überleben der Spezies nur in der Gemeinsamkeit liegt.
Und das ist die ultimative Tragik des AfD-wählenden Star Trek-Fans:
Er bewundert das Ergebnis,
aber er wählt die Ursache.
Er liebt die strahlende, geeinte Menschheit des 24. Jahrhunderts,
aber er arbeitet im Jahr 2026 aktiv daran,
die politischen Bedingungen des Dritten Weltkriegs wiederherzustellen.
Er will die Ernte einfahren,
aber er salzt den Boden, auf dem die Saat wachsen soll.
Er sehnt sich nach einer Welt ohne Vorurteile,
aber er schürt sie jeden Tag auf Facebook, am Arbeitsplatz, am Stammtisch.
Er feiert Picard für seine Toleranz,
aber er wählt Politiker, die das Wort „Toleranz“ wie eine Beleidigung aussprechen.
Das ist keine harmlose Schrulle mehr.
Das ist der tief sitzende, schmerzhafte Phantomschmerz einer Gesellschaft,
die verlernt hat, ihre Sehnsüchte mit ihrem Handeln abzugleichen.
Wir projizieren unsere besten Eigenschaften –
unsere Großzügigkeit, unsere Neugier, unseren Humanismus –
in eine utopische Zukunft im Weltraum,
weil wir zu feige, zu träge oder zu verbittert sind,
sie im Hier und Jetzt zu leben.
Es ist billig, Star Trek zu lieben, wenn die Außerirdischen dreihundert Lichtjahre weit weg sind.
Es ist verdammt schwer, die gleiche Offenheit an den Tag zu legen,
wenn der Fremde nur drei Haustüren weiter einzieht
und eine andere Sprache spricht.
Niemand steht morgens auf, blickt in den Spiegel und denkt:
„Heute wäre ich gerne mal der Bösewicht.
Heute wäre ich gerne mal ein Romulaner, der Intrigen spinnt,
oder eine Borg-Drohne, die anderen ihre Individualität raubt.“
Nein, jeder von uns sieht sich als Captain auf der eigenen Brücke.
Jeder hält sich für Picard, der das Richtige tut,
der für die Freiheit kämpft,
der das Licht in der Dunkelheit verteidigt.
Die Dissonanz entsteht, wenn die Realität uns spiegelt,
dass unsere Taten eher dem Kollektiv der Borg ähneln –
dem Drang, alles Gleichzumachen,
alles Fremde zu assimilieren oder auszuschließen,
die Mauern hochzuziehen und das Denken einzustellen.
Wenn du also das nächste Mal auf der Couch sitzt, mein Freund,
und du siehst, wie die Enterprise mit Warp-Geschwindigkeit in das Unbekannte aufbricht –
in diese unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen –
dann schalt den Fernseher nicht einfach aus, wenn der Abspann läuft.
Lass das Licht aus. Bleib im Dunkeln sitzen.
Und fühl mal nach.
Spürst du diesen feinen Riss, der mitten durch dein Denken geht?
Das ist nicht der Warp-Antrieb.
Das ist das Fundament deiner Weltanschauung, das Risse bekommt,
weil es der Schwerkraft der Realität nicht standhält.
Man kann nicht die Sterne anbeten und gleichzeitig den Schlamm verteidigen,
der uns am Boden hält.
Man kann nicht die Zukunft feiern und die Gegenwart hassen.
Entweder wir gehen den Weg der Föderation –
den harten, steinigen, komplizierten Weg der Diplomatie,
des Teilens, der Integration und des gemeinsamen Wachstums.
Oder wir bleiben hier auf der Erde sitzen,
im Dreck unserer eigenen kleinen, nationalen Vorgärten,
und schauen zu, wie die Zukunft ohne uns stattfindet.
Der Weltraum ist groß.
Er hat Platz für jede Spezies, jede Kultur, jede Nuance des Seins.
Unsere Erde ist klein.
Sie hat keinen Platz für den Hass, der uns spaltet.
Captain Picard würde dich ansehen,
mit diesem unbestechlichen, tiefen Blick aus achtzig Jahren Lebenserfahrung,
er würde die Hand heben und sagen:
„Der Mensch ist erst dann erwachsen geworden,
wenn er gelernt hat, das Fremde nicht mehr als Bedrohung,
sondern als Bereicherung zu sehen.“
Es wird Zeit, dass wir erwachsen werden.
Hier. Jetzt. Im Jahr 2026.
Bevor wir den Dritten Weltkrieg brauchen, um zu kapieren,
was auf der Enterprise schon längst Allgemeinwissen ist.




