Es gab eine Zeit, da lag zwischen der Welt
und dem Ort, der uns heute gefangen hält,
ein schmaler Korridor, ein physischer Raum,
ein leises Signal wie ein wacher Traum.
Das Netz war kein Ozean, in dem man ertrinkt,
kein dauerndes Rauschen, das unruhig blinkt.
Es war eine Tür, die man achtsam schloss,
wenn aus leiser Neugier ein Leuchten spross.
Man traf eine Wahl, wenn man schalten wollt’,
eh die Welle der Daten durch Kabel rollt’.
Ein Zischen, ein Piepen, ein hohes Verlangen,
ein Ruf in die Nacht, um Kontakt zu empfangen.
Das Modem sang Lieder von Rauschen und Knistern,
ein Zischen im Kupfer, ein leises Flüstern.
Wir traten bewusst durch die Schwelle hinein,
bereit, für ein Stündchen woanders zu sein.
Wir schlugen kein Buch auf, das niemals mehr endet,
wir wussten, wohin sich die Aufmerksamkeit wendet.
Man trat in den Raum und man fand auch zurück,
und spürte beim Ausloggen wieder das Glück.
Das Draußen blieb draußen, die Stille blieb rein,
das Leben durfte noch ungestört sein.
Und so saßen wir still vor dem glimmenden Licht,
und verlernten das Warten im Leben noch nicht.
Da war eine Würde im Werden und Reifen,
die Zeit ließ sich langsam und behutsam greifen.
Ein einziges Bild auf der hölzernen Bank
wuchs Zeile für Zeile, so behutsam und schlank.
Ein Streifen von Himmel, ein Dach, ein Gesicht,
ein langsamer Aufbau im spärlichen Licht.
Man sah beim Entstehen der Schönheit zu,
in tiefer, besonnener, heiliger Ruh’.
Man wartete gerne zehn Minuten lang
auf ein einziges Lied, das im Dunkeln erklang.
Und während der Ladebalken wanderte, strich
die Hand durch die Stille und sammelte sich.
Die Pause erschien nie als leerer Gewinn,
sie gab der Geduld erst den ur-eigenen Sinn.
Denn was man ersehnt und worauf man noch harrt,
wird tief in den Kammern des Herzens verwahrt.
Die Dinge bekamen durch Wert ihren Preis,
ein Schatz war das Wissen im suchenden Kreis.
Man überlud nie den eigenen Bereich,
man kostete langsam und wuchs dadurch reich.
Und so saßen wir still vor dem glimmenden Licht,
und verlernten das Warten im Leben noch nicht.
Die Orte im Netz waren Zimmer aus Glas,
gemacht ohne Gier und voll eigenem Maß.
Da gab es noch Seiten, von Menschen gebaut,
mit Farben, die schrill war’n, ehrlich und laut.
Ein Gästebuch wartete warm auf ein Wort,
ein hölzerner Steg an einem friedlichen Ort.
Kein Algorithmus berechnete Wut,
kein Futter aus Neid und brennender Glut.
Kein Streben nach Bestätigung, Klicks oder Macht,
man schrieb eine Nachricht wie aus Sehnsucht gemacht.
Ein Satz wie ein Gruß aus der Ferne im Raum:
„Ich war zu Besuch und ich teile den Traum.“
Die Heimat im Netz war persönlich und echt,
nicht glatt poliert, dem Menschen gerecht.
Wir teilten Gedanken, ganz ohne den Zwang,
dass jeder Entwurf nach Perfektion klang.
Man begegnete Menschen mit echter Geduld,
ohne Urteil, Fremdheit oder künstliche Schuld.
Man knüpfte ein Band aus Lettern und Sinn,
und trug ein Stück Wärme im Herzen darin.
Und so saßen wir still vor dem glimmenden Licht,
und verlernten das Warten im Leben noch nicht.
Doch heute fließt alles in endloser Spur,
wir folgen dem Takt einer rastlosen Uhr.
Der Raum in der Tasche vibriert ohne Rast,
und trägt auf den Schultern eine namenlose Last.
Wir scrollen durch Leben, die uns nicht gehören,
und lassen die Stille von Tönen zerstören.
Wir sehen die Bilder in Sekundenbruchteilen,
doch verlernen die Kunst, bei Schönem zu verweilen.
Die Welt wird so laut, so gewaltig, so schnell,
der Scheinwerfer strahlt unbarmherzig und hell.
Wir wissen so vieles und fühlen so viel,
doch verlieren im Nebel das eigene Ziel.
Wir suchen nach Nähe im ständigen Strom,
und finden oft nur einen hallenden Dom.
Der Hunger nach Tiefe wird selten gestillt,
wenn das Auge sich täglich an Flächen erfüllt.
Wir tragen den Ozean tief in der Hand,
und vergessen das Ufer, wo einst man sich fand.
Und so sitzen wir still vor dem glimmenden Licht,
und erlernen das Warten im Leben wohl nicht.
Doch hör, wie der Puls tief im Inneren schlägt,
der uns durch die Wellen des Lebens noch trägt.
Die Welt ist nicht verloren im digitalen Meer,
sie verlangt nach Atem, Auszeit … und mehr.
Wir können die Hände vom Bildschirm heben,
und echter Begegnung Raum wieder geben.
Wir können die Schwelle von Neuem erbauen,
um achtsam ins Auge des Nachbarn zu schauen.
Das Warten ist keine veraltete Pflicht,
es ist unser Anker, der Stürme zerbricht.
Wenn wir die Geduld wie ein Kostbarkeitsgut
bewahren im Herzen mit sanftem Mut,
dann wird auch die Hektik der Gegenwart weich,
und macht unser Inneres unendlich reich.
Wir schließen die Augen und hören den Ton,
der tief in der Brust schlägt seit jeher schon.
Wir wählen die Pause, wir wählen das Sein,
und laden das Leben von Herzen ein.
Ein Atemzug zieht durch die samtene Nacht,
die Sehnsucht ist wieder zum Leben erwacht.
Und so sitzen wir still vor dem glimmenden Licht,
und wir schenken dem Warten im Leben sein Licht.




