Der Atem geht ein, der Atem geht aus,
wir sperren uns selbst im Gedankengeschirr aus.
Wir zählen die Risse im bröckelnden Putz
und suchen im Schönsten nach Makel und Schmutz.
Der Tag baut uns Brücken aus gleißendem Licht,
doch wir sehen nur das, was uns morgen zerbricht.
Wir zeichnen die Welt mit Vergangenheitsstift,
als wäre das Morgen von Schwermut vergiftet.
Wir weben aus Ängsten ein düsteres Kleid
und schimpfen das Heute schon Einsamkeit.
Wir malen den Teufel mit Fleiß an die Wand
und halten die Gegenwart stumm an der Hand.
Doch wer nur im Schatten die Zukunft vermisst,
vergisst, wie berauschend das Farbenspiel ist.
Schau hin, wie der Mohn durch den Asphalt bricht,
ein trotziges Rot, das vom Aufbegehren spricht.
Das Grau unsrer Städte ist laut und betont,
doch sieh, wie im Rinnstein ein Regenbogen wohnt,
wenn Öl sich mit Regen zu Mustern vereint
und plötzlich der Boden im Lichtstrahl erscheint.
Wir hetzen durch Gassen, den Blick auf den Schirm,
die Sorgen wie Wolken im eigenen Gehirn.
Wir messen die Zeit nur in Leistung und Pflicht
und merken im Laufen: Wir spüren uns nicht.
Dabei schreibt der Himmel im Abendakkord
ein flammendes Rosa, ganz ohne ein Wort.
Ein Kind fängt den Wind mit den Händen voll Glück,
wir sehnen uns nur in die Kindheit zurück.
Doch wer nur im Schatten die Zukunft vermisst,
vergisst, wie berauschend das Farbenspiel ist.
Es stimmt ja, die Welt hat auch Risse und Narben,
sie trägt neben Leuchten auch dunklere Farben.
Es gibt diesen Schmerz, der die Kehle zuschnürt,
wenn Unrecht uns streift und die Seele berührt.
Das Leiden ist echt, und die Ohnmacht ist groß,
man liegt oft im Dunkeln und kommt nicht mehr los.
Doch Trauer braucht Tiefe, damit man versteht,
dass nach jedem Winter ein Frühlingswind weht.
Das Dunkel ist spürbar, doch niemals die Norm,
es gibt dem Erwachen erst Farbe und Form.
Ein Herz, das im Rhythmus der Hoffnung noch schlägt,
ist stärker als das, was an Kummer uns prägt.
Wir dürfen die Wunden der Erde wohl sehn,
und weigern uns stur, im Staub zu vergehn.
Doch wer nur im Schatten die Zukunft vermisst,
vergisst, wie berauschend das Farbenspiel ist.
Da drüben tanzt Laub im Kreisel des Winds,
ein goldenes Lachen im Auge des Kinds.
Das Silber im Haar einer alten Madame
erzählt von dem Glück, das mit den Jahren dann kam.
Das Grün eines Waldes nach schwerem April
macht’s Atmen so leicht und die Zweifel so still.
Wir sind nicht aus Asche, wir sind aus dem Licht,
das funkelnd durch Prismen der Tränen bricht.
Die Welt ist kein Abgrund, sie ist ein Tableau,
sie leuchtet in Safran, in Türkis und Indigo.
Der Pulsschlag wird ruhiger, der Blick wird nun weit,
wir schenken dem Staunen die kostbare Zeit.
Doch wer nur im Schatten die Zukunft vermisst,
vergisst, wie berauschend das Farbenspiel ist.




