Ich habe lange gedacht,
dass Dunkelheit etwas ist, das von außen kommt.
Ein Wetterumschwung der Seele,
ein kosmischer Fehlalarm,
gegen den man sich mit Regenschirm und dicker Jacke wappnen kann.
Etwas, das sich über dich legt wie ein Mantel,
schwer, staubig,
gewebt aus Erwartungen und dem kalten Pech der Welt.
Ich wartete sehr lange darauf,
dass jemand das Licht anknipst,
dass irgendeine Sonne endlich den Horizont meiner Depression durchbricht,
dass ein Fremder mit einem freundlichen Wort
das Fenster zu meiner Seele aufstößt.
Aber die Astronomie der Seele
folgt nicht den Gesetzen der Himmelskörper.
Und irgendwann,
in einer dieser Nächte,
in denen die Welt zu atmen scheint,
begriff ich:
Die Dunkelheit hat keine Quelle im Außen.
Sie ist kein Wetter.
Sie ist ein Gewächs.
Eine Flechte,
die sich an die Wände deines Herzens klammert
und dort wächst,
wo du zu lange geschwiegen hast.
Es gibt Tage,
da fühlt sich mein Kopf an wie ein Raum ohne Fenster.
Ein Betonkubus im Nirgendwo.
Kein Licht.
Kein Ausgang.
Nur Echo.
Ein Echo meiner eigenen Gedanken,
Schritte in einem leeren Flur,
Absätze auf kaltem Stein,
und ich weiß nicht,
ob sie auf mich zukommen
oder von mir weggehen.
Manchmal habe ich Angst,
dass ich mich selbst jage.
Dass ich Verfolger und Verfolgter zugleich bin,
gefangen in einer Endlosschleife aus Vermutungen,
Selbstvorwürfen
und der ewigen Frage nach dem Warum.
In diesem fensterlosen Raum
wird die Zeit zu einem Feind.
Sekunden dehnen sich,
werden zäher Teer,
verkleben jeden Fluchtweg.
Ich studiere das Muster meiner Verzweiflung,
zähle Risse im Beton,
benenne Schatten,
die sich bei jedem Blinzeln verändern.
Eine Architektur der Einsamkeit,
Stein für Stein errichtet,
Schweigen für Schweigen,
bis ich die Tür nicht mehr finde.
Manchmal frage ich mich,
ob man irgendwann aufhört zu fallen.
Die Physik der Depression kennt keinen Boden,
nur verschiedene Konsistenzen des Vakuums
und unterschiedliche Geschwindigkeiten des Sinkens.
Vielleicht entwickeln wir Hornhaut auf der Seele,
eine Schicht aus Zynismus oder stumpfer Akzeptanz,
die uns unempfindlich macht gegen den Aufprall.
Man gewöhnt sich an die Schwerkraft der Traurigkeit.
Man lernt, in der Tiefe zu atmen,
auch wenn die Luft dort dünn ist
und nach altem Eisen schmeckt.
Und dann frage ich mich,
ob man irgendwann versteht,
dass Schmerz nicht schreit.
Die Gesellschaft hört nur auf das Poltern,
auf den dramatischen Zusammenbruch,
auf Tränen wie Sturzbäche.
Aber der wahre Schmerz,
der tiefe,
ist ein Ästhet der Stille.
Ein Flüstern im Windschatten deiner Träume.
Eine Stimme,
die dir sagt, dass du nicht genug bist,
während du dir Kaffee einschenkst.
Er setzt sich wie Staub
in die Ritzen deines Alltags,
macht alles grau,
und genau das macht ihn gefährlich.
Er ist kein Raubtier,
das dich anspringt.
Er ist Rost.
Er frisst dein Fundament von innen,
während du nach außen hin
noch stabil wirkst.
Ich habe gelernt,
dass man nicht laut schreien muss,
um gehört zu werden.
Die lautesten Schreie
finden hinter verschlossenen Lippen statt,
in der U-Bahn,
am Esstisch,
im Blick,
der eine Sekunde zu lange ins Leere starrt.
Im Atemzug,
der zittert wie eine Kerzenflamme
im Luftzug eines Unwetters.
Im winzigen Brechen der Stimme,
wenn du sagst:
„Ich bin okay.“
„Ich bin okay“ –
drei Wörter,
eine soziale Übereinkunft,
eine Schutzmauer,
eine Lüge,
so glatt poliert,
dass niemand merkt,
wie sehr sie schneidet.
Und das Schlimmste ist nicht die Lüge,
sondern die Erleichterung in den Augen der anderen,
wenn sie sie glauben.
Es gibt Nächte,
da sitze ich im Dunkeln
und höre meinem Herzschlag zu.
Ein Metronom,
viel zu schnell,
eingestellt von einem wahnsinnigen Dirigenten,
der das Finale erzwingen will.
Ein Alarm,
der niemanden weckt,
weil er auf einer Frequenz sendet,
die nur ich hören kann.
Wir leben in einer Zeit
der ständigen Erreichbarkeit,
und doch war es nie so einfach,
mit einem inneren Feueralarm
völlig unbemerkt zu bleiben.
Vernetzt,
und doch isoliert,
jeder in seinem eigenen
Frequenzbereich der Verzweiflung.
Und ich frage mich,
wie viele Menschen gerade jetzt
neben ihrem eigenen Abgrund stehen.
Wie viele lächeln,
während in ihnen ein Feuer brennt,
das keine Wärme spendet.
Wie viele sagen „passt schon“,
während rein gar nichts passt.
Diese kollektive Maskerade
ist die tragischste Aufführung der Menschheit.
Ich habe aufgehört zu glauben,
dass man stark sein muss.
Stärke ist kein Fels.
Ein Fels spürt nichts.
Ein Fels wächst nicht.
Ein Fels erodiert nur.
Wahre Stärke ist ein Riss.
Ein Bruch in der Fassade,
durch den endlich etwas fließen kann.
Licht.
Oder Dunkelheit.
Wir sind keine Maschinen.
Die Fehler sind nicht der Makel im Quellcode.
Sie sind der Quellcode.
Und vielleicht beginnt Heilung genau dort:
Wir müssen nicht immer leuchten.
Wir sind keine Glühbirnen.
Wir sind Lebewesen,
die Rhythmen brauchen,
Schatten,
Nächte,
Pausen.
Manchmal reicht es,
nicht zu verschwinden.
Manchmal ist Bleiben
die größte Heldentat.
Ich verspreche mir nicht,
dass morgen gut wird.
Aber ich weiß:
Ich bin noch hier.
Trotz Echo.
Trotz Beton.
Trotz mir selbst.
Heilung heißt nicht,
dass die Dunkelheit verschwindet.
Heilung heißt,
dass man lernt,
in ihr zu wandeln,
ohne die Orientierung zu verlieren.
Und dann bleibt nur noch ein Satz:
Ich atme.
Noch.
Und in diesem „Noch“
liegt die ganze Menschheit.
Ich bin noch hier.
Du bist noch hier.
Und das ist nicht nur genug.
Das ist das Fundament.
Atemzug für Atemzug.
Weiter.
Nicht schnell.
Nicht schön.
Aber weiter.




