Ich stehe hier,
und ich frage mich,
wann wir eigentlich beschlossen haben,
dass Sprache ein Dekorationsartikel ist.
Ein Accessoire.
Ein hübsches Schleifchen auf dem Präsentkorb der Belanglosigkeit.
Wann haben wir aufgehört,
Worte zu benutzen,
um etwas zu sagen,
statt um alles zu vermeiden.
Wann haben wir uns angewöhnt,
Sätze zu bauen wie Luftschlösser,
die schon beim ersten Windstoß
in sich zusammenfallen
und nur noch Staub hinterlassen,
Staub und ein Echo,
das klingt wie:
„Wir melden uns nach der Werbung.“
Ich frage mich das,
weil ich beinahe jeden Abend,
beinahe jeden gottverdammten Abend,
vor diesen politischen Talkshows sitze,
diesen Bedürfnisanstalten der gepflegten Inhaltslosigkeit,
wo Politiker*innen auftreten
wie schlecht gelaunte Animateur*innen
in einem All-inclusive-Resort der Verantwortungslosigkeit.
Sie kommen rein,
setzen sich hin,
lächeln das Lächeln der professionellen Unverbindlichkeit,
und dann geht es los:
Sprechblasen.
Sprechblasen.
Sprechblasen.
So undicht,
dass man eigentlich Handtücher verteilen müsste.
Und die Moderator*innen?
Die sitzen daneben
wie Protokollant*innen eines intellektuellen Totalschadens,
die den Müll nur höflich sortieren,
während über ihnen
die Trümmer der Vernunft zusammenschlagen.
Ich warte seit Jahren,
seit Jahrzehnten,
seit Ewigkeiten,
auf diesen einen Moment,
diesen einen historischen Augenblick der Konsequenz.
Und ich frage mich:
Wie lange wollen wir das Echo dieser Leere noch ertragen?
Denn wer Fragen nur noch als taktisches Rauschen missversteht,
hat seinen Anspruch auf Gehör im Grunde längst verwirkt.
Es ist die Kapitulation vor der Eindeutigkeit.
Ein Rückzug in das Dickicht aus Ungefährem,
während die Brücken zur Wahrheit hinter ihnen abbrennen.
Man müsste ihnen den Ton entziehen,
nicht aus Strafe,
sondern aus Respekt vor der Stille –
denn Schweigen wäre ehrlicher
als dieses endlose Verkaufen von Nichts.
Das wäre der Punkt,
an dem ich wieder atmen könnte.
Mein persönlicher Wendepunkt.
Ein Moment, so hell und so klar,
dass er die gesamte verlogene Kulisse überstrahlt.
Das wäre der Punkt,
an dem ich wieder atmen könnte.
Mein persönlicher Wendepunkt.
Ein Moment, so hell und so klar,
dass er die gesamte verlogene Kulisse überstrahlt.
Ich würde dieses Schweigen feiern
wie einen Befreiungsschlag.
Ich würde rausgehen,
die Luft tief einsaugen
und der Welt zurufen:
„Schaut her,
so klingt Demokratie,
wenn sie sich erinnert,
wofür sie mal gedacht war.“
Aber nein.
Nichts passiert.
Gar nichts.
Weil alle Angst haben.
Weil alle wissen:
Wer widerspricht,
wer nachhakt,
wer wirklich journalistisch arbeitet,
der fliegt raus.
Dem wird die Dauerkarte für das Schaufenster der Eitelkeiten entzogen.
Der darf nie wieder die heilige Reihenfolge der Gesprächsbausteine stören.
Und so sitzen sie da,
die wechselnden Gesichter des immer gleichen Formats,
die personifizierten Sendeplätze der gepflegten Nachfrage.
Sie lächeln in die Kamera,
sie stellen ihre wohl temperierten Fragen
und lassen sich volllabern
wie ein altes Sofa,
das schon so viele Hintern gesehen hat,
dass es gar nicht mehr merkt,
wenn wieder einer drauf sitzt.
Und die Politiker*innen?
Die kommen gerne.
Natürlich kommen sie gerne.
Sie reden von Abschöpfungsmechanismen,
von Sondervermögen,
von Brückenstrompreisen,
von haushaltärischer Konsolidierung,
als wären das keine Worte,
sondern Nebelgranaten.
Sie werfen sie in die Runde,
und alle husten,
und keiner sieht mehr was,
und am Ende sagt man:
„Danke für das Gespräch.“
Ich sage:
Das ist keine Sprache.
Das ist eine Entwöhnung.
Eine systematische Entwöhnung.
Eine sprachliche Abrichtung.
Eine Dressur zur Dummheit.
Denn Sprache,
echte Sprache,
ist ein Werkzeug.
Ein Skalpell.
Ein Hammer.
Ein Hebel.
Ein Lichtschalter.
Ein verdammtes Katapult.
Aber was wir bekommen,
ist Watte.
Ist Nebel.
Ist Schaumstoff.
Ist ein Geräusch,
das so tut,
als wäre es ein Gedanke.
Und wir sollen das schlucken.
Wir sollen das akzeptieren.
Wir sollen sagen:
„Ja, das ist wohl Politik.“
Aber ich sage:
Nein.
Das ist nicht Politik.
Das ist ein Theaterstück,
bei dem alle vergessen haben,
dass es mal ein Drehbuch gab.
Wir werden sprachlich ausgehungert.
Wir werden entwöhnt.
Wir werden abtrainiert.
Wir werden konditioniert
auf das große Nichts.
Wir sollen nicht mehr fragen.
Wir sollen nicht mehr zweifeln.
Wir sollen nicht mehr denken.
Wir sollen nur noch konsumieren.
Sätze wie Fertiggerichte.
Aufreißen, aufwärmen, runterschlucken.
Und dann sitzen wir da,
mit vollem Bauch und leerem Kopf,
und sagen:
„War ganz okay.“
Aber ich sage:
Es reicht.
Es reicht jetzt.
Es reicht seit Jahren.
Es reicht seit Jahrzehnten.
Ich will Sprache zurück.
Ich will Worte zurück, die etwas bedeuten.
Ich will Sätze zurück, die etwas riskieren.
Ich will Fragen zurück, die wehtun dürfen.
Ich will Moderator*innen, die nicht nur lächeln, sondern beißen.
Ich will Journalist*innen, die nicht nur zuhören, sondern widersprechen.
Ich will Bürger*innen, die nicht nur nicken, sondern aufstehen.
Ich will,
dass einer sagt:
„Stopp.
So nicht.
Nicht mit mir.
Nicht mit uns.“
Ich will, dass jemand das Mikrofon nimmt,
es hochhält wie eine Fackel und sagt:
„Sprache ist kein Spielzeug.
Sprache ist kein Nebel.
Sprache ist kein Alibi.
Sprache ist Macht.
Und wir holen sie uns zurück.“
Und dann,
wenn der Nebel sich legt,
wenn die Phrasen verstummen,
wenn die Wahrheit wieder atmet,
würden wir wieder anfangen zu reden.
Richtig zu reden.
Menschlich zu reden.
Politisch zu reden.
Demokratisch zu reden.
Nicht in Phrasen.
Nicht in Floskeln.
Sondern in Klarheit.
In Mut.
In Verantwortung.
Denn Sprache ist wie ein Muskel.
Und wir haben ihn verkümmern lassen.
Wir haben ihn vergessen.
Aber er ist noch da.
Er wartet.
Er zuckt.
Er will benutzt werden.
Also lasst uns anfangen.
Lasst uns reden.
Schreien.
Widersprechen.
Lasst uns die Sprache zurückholen
aus den Händen derer,
die sie missbrauchen
wie ein stumpfes Werkzeug
für ihre eigenen Löcher.
Lasst uns die Sprache wieder scharf machen.
Wieder präzise.
Wieder gefährlich.
Wieder wahr.
Denn ohne Sprache keine Demokratie.
Ohne Worte keine Wahrheit.
Ohne Klarheit keine Freiheit.
Und ich sage:
Es reicht jetzt.
Wir holen uns zurück, was uns gehört.
Die Sprache.
Die Wahrheit.
Die Stimme.
Uns.




